Jahreslosung 2018

      




Motiv: Stefanie Bahlinger Mössingen

© Verlag am Birnbach GmbH



Predigt an Silvester - von Pfarrerin Marina Walter - 31.12.17 -  Altstadt

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

Sommer. 32 Grad Celsius. Mit meiner Freundin wandere ich über die kanarische Insel La Gomera. Der Weg ist schlecht markiert, zwischen den Felsen suchen wir die kleinen roten Pfeile, die uns Orientierung geben. Kein Baum, der uns Schatten spendet. Heiß brennt die Sonne vom Himmel. Natürlich, wir haben uns vorbereitet. Tragen Sonnenbrille und Sonnenhut, haben uns dick eingecremt und unsere Trinkflaschen gut gefüllt. Im Rucksack sind leckere Vesperbrote für eine ausgiebige Rast. Über das Felsenmeer wollen wir Richtung Küste, dann ein Stück an der Kante entlang  – den sagenhaften Ausblick genießen, den uns unser Wanderbuch verspricht. Danach hinuntersteigen zu einer traumhaften, verschwiegenen Bucht mit feinstem Sandstrand und einer kleinen grünen Oase.

Hoch motiviert sind wir losgestiefelt. Was wir nicht bedacht haben, sind die immensen Höhenunterschiede auf dieser Tour. Rauf, runter, das geht auf die Puste – und auf die Knie. Und es macht Durst. Viel Durst ! Immer wieder bleiben wir stehen und trinken. Bis meine Freundin schließlich sagt: „Martina, meine Flasche ist leer.“ Ich schüttle meine, da ist noch was drin, aber wird es reichen ? Für uns zwei und die noch vor uns liegenden Kilometer ? Wir überlegen ernsthaft. Es drauf ankommen lassen und weitermarschieren ? Wo wir unserem Ziel doch schon recht nahe gekommen sind ? Oder vernünftig sein und umkehren ? Bevor wir – ohne Wasser - schlapp machen ? Meiner Freundin klebt jetzt schon die Zunge am Gaumen und ihr Kopf ist so rot wie ein Hummer. Außerdem sind wir zwei Frauen die Einzigen weit und breit auf dieser Strecke, auf dem ganzen Weg ist uns keine Menschenseele begegnet. Helfen können wir uns im Zweifel also nur selbst. Wir müssen nicht lange diskutieren. Am Ende siegt die Vernunft. Umkehren, bevor wir halbwegs am Verdursten sind.

DAS ist mir als erstes eingefallen, als ich mir die Jahreslosung für 2018 angeschaut habe. „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ So richtig durstig sein, das passiert uns ja gar nicht so häufig. Beim Wandern manchmal – so wie uns auf La Gomera. Oder beim Sport. Oder im Hochsommer, wenn wir bei der kleinsten Anstrengung ins Schwitzen geraten.

Wenn Gott von Durst spricht, dann hat das aber eine viel tiefer gehende Bedeutung. Er meint den Durst nach Leben, den wir manchmal spüren. Unser Leben soll gut sein, erfüllt mit Sinn, es soll Schönes beinhalten. Momente, die uns im Gedächtnis bleiben, Zeiten, an die wir uns immer gerne erinnern. Aber so sehr wir uns das wünschen, das Leben KANN nicht nur schön sein, das wissen wir auch. Wir müssen Schmerz ertragen und Kummer, wir  werden enttäuscht, stoßen an unsere Grenzen, können nicht alle Möglichkeiten nutzen. Aber es ist und bleibt UNSER Leben und wir haben den Auftrag und die Pflicht, es zu gestalten, etwas daraus zu machen, unsere Gaben zu entfalten.    

Um Sinn und Glück zu finden, um unseren Durst nach Leben zu stillen, schöpfen wir Menschen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Aus der Arbeit, aus der Beziehung, aus der Familie, aus Hobby und Freizeit,  aus Musik und Literatur, aus spannenden Unternehmungen, aus besonderen Erlebnissen, aus dem Glauben.

Am Ende eines Jahres fragen sich manche vielleicht: „Aus welchen Quellen schöpfe ICH eigentlich ? Sprudeln sie noch ? Oder sind sie schon lange vertrocknet ? Sind es die richtigen Quellen für mich ? Oder muss ich nach anderen suchen ? Könnte Gott  so eine Quelle für mich sein ? Eine, die nie versiegt ? Weil er immer da ist, zuverlässig und treu, im alten und im neuen Jahr. Weil seine Liebe zu mir unaufhörlich sprudelt, erfrischend und belebend, heute und morgen. „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“, sagt Gott zu Ihnen. Lassen Sie seine Worte auf sich wirken, während die Musik erklingt.

-       Flötenstück -

Auf der Postkarte, die Sie bekommen haben, ist die Jahreslosung abgedruckt. Die Künstlerin Sabine Bahlinger hat sie gestalterisch umgesetzt und in ein Bild gefasst. Dieses Bild wollen wir nun genauer betrachten und in Erfahrung bringen, wie es das Bibelwort interpretiert. Diese Einladung Gottes, ihn, die lebendige Quelle, zu entdecken und uns nicht mit abgestandenen Pfützen zu begnügen. / Das sprudelnde Wasser in der Grafik springt einem gar nicht als erstes in den Blick. Aber es bringt Bewegung ins Bild. Es umspült das braune Gefäß. Darüber schiebt sich von rechts ein weißes Gefäß. Beide sind durch ein geschwungenes, goldenes Kreuz miteinander verbunden. Es umspannt sie und erstreckt sich vom dunklen, unteren Bildrand hinein in das warme, helle Licht ganz oben. Eine geheimnisvolle Dynamik steckt darin. Auch ausgelöst durch die intensiv violett-rosa Fläche, die sich mitten ins Bild schiebt, es unterbricht. Violett ist die Farbe der Umkehr, der Buße. Vielleicht ist diese Fläche ein Spiegel, den Gott mir vorhält. Er durchschaut mich. Wie die Frau am Jakobsbrunnen, von der uns in der Bibel erzählt wird. Beim Wasserschöpfen legt Jesus den Finger auf den wunden Punkt ihres Lebens, ihre vielen gescheiterten Beziehungen. Und macht ihr zugleich ein Angebot, das ihr Leben verändert: „Wer von diesem – ganz normalen - Wasser trinkt, den wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe – wer beschließt, mir zu vertrauen - , den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ Die Frau nimmt das Angebot an – und der Ballast ihres bisherigen Lebens, ihr Versagen und ihre Schuld wird weggespült. Wie bei dem braunen Gefäß auf dem Bild, das von unten nach oben heller, fast durchscheinend, wird. Mit seinen vielen Kratzern wirkt es zerbrechlich – vom Leben gezeichnet. Gerade die vom Leben Gezeichneten und Verletzten lädt Gott zur Quelle ein. Den Gescheiterten und Bedürftigen gilt sein Angebot.

Vielleicht ist das genau der Punkt, der mir mit meinem Leistungsdenken und meinem Hang zum Perfektionismus widerstrebt. Ich bin nicht gerne bedürftig. Fehler und Versagen möchte ich, so gut es geht, vermeiden. Und wenn sie dann doch vorkommen, dann versuche ich erst einmal, sie bzw. mich zu rechtfertigen. Denn die Kritik, die ich dann aushalten muss, die kratzt an mir. Die geht mir nach. Die ärgert mich vielleicht auch. Oder verletzt mich. Jedenfalls hinterlässt sie Spuren. Ähnlich wie auf dem braunen Becher zu sehen. Es läuft nicht alles glatt im Leben – unser Leben hat Risse und Sprünge. Manchmal sind sie uns anzusehen.

An welchen Stellen hat Ihr Leben Risse und Sprünge bekommen ? Wo ist etwas zerbrochen ? Wo ließ sich etwas nicht mehr kitten ? Wie würde Ihr ganz persönlicher Becher aussehen ? Welche Muster würde er tragen ? Sie haben Zeit, darüber nachzudenken, während die Musik erklingt.

-       Flötenmusik -

Die Bibel vergleicht uns immer wieder mit Gefäßen. Nicht mit makellos glänzenden, eher mit rauhen, unebenen, die aus Ton geformt sind. Aber genau die will Gott mit seinem lebendigen Wasser füllen ! Genau da hinein legt er seine Gaben, seine Kraft, seinen Glanz.

Auf dem Bild von Sabine Bahlinger glänzt es auch. Ein goldenes Kreuz schwingt sich darüber. Es interpretiert das Wort „umsonst“ in der Jahreslosung. Ich will es Euch „umsonst“ geben, dieses lebendige Wasser, sagt Gott. Ihr müsst es Euch nicht verdienen. Weil Jesus schon alles für Euch getan hat. Am eigenen Leib hat er es erfahren, was es heißt, hungrig und durstig zu sein. Was es heißt, Schmerzen zu ertragen und Todesangst zu haben. Wie Blutstropfen wurde sein Schweiß, als er im Garten Gethsemane mit dem Tod gerungen hat. Ganz links im Bild sind sie angedeutet. Alles, was unser Leben zerstört und uns von Gott trennt, hat Jesus am Kreuz überwunden. Sogar den Tod. Oh ja, Gott ließ sie sich etwas kosten, unsere Rettung. Das Leben seines Sohnes. Er hat alles bezahlt und beglichen. Wer das entdeckt, kann aufatmen.

Interessant, wie Sabine Bahlinger bei ihrer Gestaltung mit den verschiedenen Farben spielt und so für Kontraste sorgt. Wie sie es schafft, das Gegensatzpaar Wasser und Feuer auf einer Fläche zu vereinen. Gelborange lodert es auf der linken Bildhälfte. Das Feuer der Liebe und des heiligen Geistes, der in der Pfingstgeschichte als Feuerzunge beschrieben wird. Bei den Propheten dagegen war  schon immer die Bewässerung ein Zeichen für die Ausgießung des Heiligen Geistes. In der Taufe bildet sich das bis heute ab. Das lebendige Wasser Gottes bringt Frische ins Leben und wäscht alle Abgestandene weg. Was mich blockiert und lähmt, wird fortgespült wie die dunkle Brühe aus dem braunen Becher. Gottes Geist füllt mich aus. Und zeigt mir neue Perspektiven.

Vielleicht erklärt das die beiden Becherhälften, die zusammen gehören und sich aneinander schmiegen, die aber keineswegs zusammenpassen. Material, Form, Farbe – alles anders. Und trotzdem eins. Gott allein schafft dieses Wunder: Er verwandelt mein irdisches, fehlerhaftes Dasein in eine ganz neue, schöne, reine Form mit Ewigkeitswert.

Das zarte Grün rechts oben strahlt die unerschütterliche Hoffnung auf das himmlische Jerusalem aus. Dort geht es einmal hin, dort ist endlich alles gut, dort fließen Ströme lebendigen Wassers. Dort ist alles Herzeleid zu Ende, dort herrscht Frieden, dort wohnt Gott mitten unter den Menschen. Ja, am Ende aller Zeiten wird aller Durst gestillt sein. Da ist alles zum Ziel gekommen, alles verstanden, alles versöhnt. Da tragen wir die Spuren unseres Lebens mit innerem Einverständnis und begreifen ihre Einzigartigkeit und Schönheit.

Wo entdecken Sie diese Einzigartigkeit und Schönheit jetzt schon ? Welche Spuren Ihres Lebens sind Ihnen wertvoll, welche möchten Sie nicht missen ? Welche zeichnen Sie aus ? Auch die schmerzvollen können es sein – auch diese haben Sie zu dem Menschen gemacht, der Sie heute sind. Gehen Sie Ihren ganz persönlichen Lebensspuren nach, während die Musik erklingt.

-       Flötenmusik -

Schauen Sie noch einmal auf Ihre Karte. Die Querbalken des Kreuzes ergeben eine goldene Acht, das Zeichen für die Ewigkeit. Auf der rechten Seite fließen die Blau- und Gelbtöne ineinander , spiegeln wieder, was „Ruhe“ heißt und Frieden und „gestillt sein“. Noch ist es nicht soweit. Noch bestimmen Turbulenzen mein Leben. Aber es ist geschützt. Wie ein Tuch umhüllt der weiße Becher den dunklen. Wie ein Segel zieht er ihn ganz sanft durch alle Turbulenzen hindurch zum Licht. Eine beschwingte Leichtigkeit strahlt der weiße Becher aus. Fast schwerelos gleitet er durchs Bild, der Ewigkeit entgegen. In unserem Leben fühlen wir diese Leichtigkeit nicht immer. Oft haben wir schwere Beine auf der Wanderung unseres Lebens. Manche Wegstrecken bringen uns an unsere Grenzen. Manche Durststrecken haben wir noch vor uns. Aber immer gilt Gottes Angebot: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Tina Willms beschreibt das so:

Dass auch die dunklen Wege nicht in den Abgrund führen und einer an meiner Seite geht, auch wenn ich ihn kaum spüre. / Dass alle Tränen gesammelt werden und ins Wasser des Lebens fließen, dass Trauerzeiten zu Ende gehen und sich mein Mund neu mit Lachen füllt. / Dass selbst ein steinernes Herz sich erweichen lässt und eine Tür ins Freie führt, wo der Himmel sich weitet. / Dass manches, was vergeblich erscheint, mich doch wachsen lässt und mich zu dem Menschen macht, als der ich gedacht bin. / Dass ich am Ende das ganze Bild sehe und eine Stimme höre, die sagt: Es ist gut !


Amen.




Was ist eigentlich die Jahreslosung?


Die Jahreslosung der christlichen Kirchen wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) ausgewählt. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation spielt dabei keine Rolle, weil die Auswahl stets vier Jahre im Voraus stattfindet. Wichtige Gesichtspunkte sind dagegen, dass eine zentrale Aussage der Bibel in den Blick kommt, und zwar in einprägsamer und möglichst knapper Formulierung, ein Bibelwort, das in besonderer Weise ermutigen, trösten Hoffnung wecken oder auch aufrütteln und provozieren kann.

 

Evangelische Gemeinde Haidach
Marienburger Str. 16 - 75181 Pforzheim
Fon 0 72 31 / 6 22 06 - Fax 0 72 31 / 6 23 52
pfarramt@eg-haidach.de